12. Mai 2026
Für mehr Artenvielfalt am Wegesrand: Grafschafter Bauhöfe setzen gemeinsam auf neue Mähtechnik
Wer in den vergangenen Wochen auf den Straßen und Wegen im Landkreis Grafschaft Bentheim unterwegs gewesen ist, ist ihm vielleicht schon begegnet: einem großen orangefarbenen Mähfahrzeug mit auffälligem Mähwerk und Schlauch, das entlang der Wegerandstreifen seine Runden zieht. Dass dieses Fahrzeug besonders ist, wird nicht zuletzt beim Blick auf die Rückseite des Gefährts deutlich. Dort prangt in großen Buchstaben der Hinweis: „Bitte haben Sie etwas Geduld. Wir mähen insektenschonend für mehr Artenvielfalt am Wegesrand.“ Und genau darum geht es: Mit dem Projekt „Grafschafter Bauhöfe auf dem Niedersächsischen Weg“ setzen der Landkreis und die sieben kreisangehörigen Kommunen gemeinsam auf eine umweltfreundliche und insektenschonende Pflege kommunaler Wegerandstreifen. „Das ist ein Leuchtturmprojekt in Norddeutschland. Die Bauhöfe aller Grafschafter Kommunen sind aktiv in das Projekt eingebunden, arbeiten Hand in Hand und leisten einen effektiven und sichtbaren Beitrag zum Artenschutz, zur Artenvielfalt und zur Biotopvernetzung auf öffentlichen Flächen. Immerhin haben die kommunalen Wegerandstreifen eine Länge von mehreren hundert Kilometern und bieten damit ein großes Potenzial zur Förderung von Lebensräumen für Insekten und andere Kleintiere“, ist Landrat Uwe Fietzek überzeugt. Gemeinsam mit Niedersachsens Agrarministerin Miriam Staudte, Vertretern der Kommunen und Mitgliedern der Lokalen Aktionsgruppe der LEADER-Region Grafschaft Bentheim machte er sich in Nordhorn persönlich ein Bild von dem neuen Mähfahrzeug.
So funktioniert die insektenschonende Mahd
Im Fokus des Projekts stehen ausgewählte Teilabschnitte der zahlreichen kommunalen Wegerandstreifen im ländlichen Raum. Bislang wurden diese Flächen vor allem gemulcht. Das führte häufig zu einer Vergrasung und zu einem Rückgang der Artenvielfalt. Zudem fielen durch die Sogwirkung der herkömmlichen Mähgeräte zahlreiche Insekten und Kleintiere wie Frösche und Kröten dem Mähtod zum Opfer. „In der Grafschaft gehen wir nun einen anderen Weg. Wir wollen Wegerandstreifen aufwerten und erhalten. Da wir jedoch nicht die Kapazitäten haben, alle Wegerandstreifen mit dem neuen Fahrzeug zu mähen, haben wir gemeinsam die Strecken ausgewählt, die sich gut für eine Aufwertung eignen. Dort ist das Gefährt nun unterwegs“, erklärte Erik Rosche, der für die Umsetzung des Projektes bei der Kreisverwaltung zuständig ist.
Mit der neu beschafften Maschinenkombination wird ein umweltschonender Ansatz verfolgt. Statt einer rotierenden Mähtechnik mit Sogwirkung kommt ein Verfahren zum Einsatz, bei dem Gräser, Kräuter und Wildblumen mit einem Messerbalken geschnitten werden – Insekten und Kleintiere kommen dadurch deutlich weniger häufig zu Schaden. Das Schnittgut wird danach rein mechanisch über einen Schlauch in einen Container befördert, in dem es zerkleinert wird. „Nach dem Mähen und Abräumen des Aufwuchses folgt die Fermentierung. Wir lassen das Schnittgut über ein halbes Jahr gären und veredeln es zu einem Dünger, der wiederum nachhaltig auf kommunalen Flächen eingesetzt werden kann. Erste Tests waren sehr erfolgversprechend“, berichtete Rosche. Dadurch, dass auf den ausgewählten Wegerandstreifen mit der neuen Maschinenkombination nicht mehr gemulcht wird, reduziert sich dort die Nährstoffanreicherung. „Mulchschichten ersticken im Grunde alles, was Licht und Luft braucht, also auch Kräuter und Wildblumen. Die Wegerandstreifen sind daher oft arten- und strukturarm und wirken monoton und unattraktiv. Ohne die Mulchschichten kommt jetzt die Artenvielfalt zurück und wir können das Landschaftsbild mit blühenden Wegerandstreifen neu beleben“, betonte Rosche.
Großzügige Förderung über LEADER-Mittel
Die für die insektenschonende Mahd notwendige Maschinenkombination hat rund 530.000 Euro gekostet. Ein Großteil der Summe – insgesamt 488.000 Euro – wird über LEADER-Mittel gefördert. Dabei handelt es sich um 250.000 Euro direkt aus dem europäischen LEADER-Programm und 238.000 Euro, die aus einem regionalen Fonds der LEADER-Region Grafschaft Bentheim stammen. Der Eigenanteil des Landkreises liegt bei 42.000 Euro. „Als LEADER-Region verfolgen wir unter anderem das Ziel, den Klima- und Umweltschutz zu stärken, zirkuläre Modelle zu fördern und nachhaltige Lösungen zu finden. Daher passt dieses Projekt sehr gut zu unserem regionalen Entwicklungskonzept. Zudem ist es ein schönes Beispiel für interkommunale Zusammenarbeit“, sagte Kreisrätin Gunda Gülker-Alsmeier, die zugleich Vorsitzende der Lokalen Aktionsgruppe der LEADER-Region Grafschaft Bentheim ist. Die laufenden Kosten (Personal-, Betriebs- und Wartungskosten) des Mähfahrzeugs übernehmen Landkreis und Kommunen gemeinsam.
Landkreis und Kommunen wollen Vorbildfunktion übernehmen
An der Umsetzung des Projektes „Grafschafter Bauhöfe auf dem Niedersächsischen Weg“ arbeiten Landkreis und Kommunen seit dem Frühjahr 2022 gemeinsam in einem Arbeitskreis. „Wir wollen damit auch unserer Vorbildfunktion gerecht werden. Die Grafschaft ist eine landwirtschaftlich geprägte Region. Wenn von der Landwirtschaft im Rahmen des Niedersächsischen Weges Beiträge zur Extensivierung und zur Anlage von Blühflächen erwartet werden, dann muss auch die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen“, machte Landrat Uwe Fietzek deutlich. Zugleich stellte er klar, dass die Umsetzung des Projektes ohne die Kommunen nicht möglich gewesen wäre: „Das Projekt zeigt, wie kommunale Zusammenarbeit, pragmatische Lösungen und naturschutzfachliche Zielsetzungen erfolgreich zusammengebracht werden können.“
Von der Umsetzung des Projektes zeigte sich auch Niedersachsens Agrarministerin Miriam Staudte beeindruckt. In der Grafschaft sei etwas angeschoben worden, das Nachahmer anlocken könne. Staudte: „Hier wird ökologische Verantwortung mit regionaler Praxis verbunden. Denn: Biodiversität, nachhaltige Flächennutzung und leistungsfähige Infrastruktur sind keine Gegensätze – sie können sich gegenseitig stärken. Darüber hinaus zeigt sich hier eindrucksvoll, wie unser landesweites Bündnis für Natur- und Artenschutz – der Niedersächsische Weg – vor Ort beständig mit Leben gefüllt wird: Es braucht Fachwissen, aber auch Praxisnähe und Kooperationsbereitschaft.“