
13. Mai 2026
Vorbereitung für den Krisenfall: In der Grafschaft Bentheim entstehen Anlaufstellen für die Bevölkerung
Notfallinformationspunkte und Leuchttürme – wenn diese zwei Begriffe in einer Krisenlage fallen, sollte künftig möglichst jede Bürgerin und jeder Bürger in der Grafschaft Bentheim wissen, was es damit auf sich hat. Denn genau dort sollen Menschen im Ernstfall, etwa bei einem langanhaltenden und flächendeckenden Stromausfall, schnelle Hilfe, Informationen und Unterstützung erhalten. Das sieht der Sonderplan Stromausfall vor, den der Landkreis Grafschaft Bentheim und die sieben kreisangehörigen Kommunen in den vergangenen Monaten gemeinsam erarbeitet haben.
Der Sonderplan greift für den Fall eines langanhaltenden und flächendeckenden Stromausfalls – also eines Blackouts. Ein solches Szenario kann weitreichende Folgen haben: Telefon-, Mobilfunk- und Internetverbindungen funktionieren nicht mehr, es gibt keine Heizung und kein warmes Wasser, elektrische Geräte bleiben aus. Aber auch Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sind in ihrer Arbeit stark beeinträchtigt, Betriebe und Geschäfte ohne Notstromaggregate stehen still, in landwirtschaftlichen Betrieben fallen beispielsweise Lüftungsanlagen und Melkroboter aus. Auf ein solches Szenario wollen Landkreis und Kommunen bestmöglich vorbereitet sein. „Im Krisenfall sind abgestimmte Konzepte wichtig, um koordiniert und strukturiert vorgehen zu können und handlungsfähig zu bleiben. Der Sonderplan Stromausfall liefert uns einen Überblick, wie wir derzeit aufgestellt sind, und zeigt zudem auf, wo nachgebessert werden muss. Wir wollen und müssen gewappnet sein. Vorsorge ist für uns keine Option, sondern eine Pflicht“, erklärt Landrat Uwe Fietzek.
Mehr als 70 Maßnahmen listet der Sonderplan auf, die Landkreis und Kommunen nun Schritt für Schritt umsetzen. „Dabei geht es zum Beispiel um die Organisation der Kraftstoffverteilung und die Frage: Wer braucht wie viel Kraftstoff? Das ist eine riesige Aufgabe. Aber auch die Wasser- und Abwasserentsorgung, die Versorgung mit Lebensmitteln und Trinkwasser sowie die Notfallkommunikation müssen sichergestellt werden“, berichtet Thomas Heinrich, Leiter der Abteilung Bevölkerungsschutz. Darüber hinaus gehe es um Risiko- und Krisenkommunikation sowie um die weitere Sensibilisierung der Bevölkerung für mögliche Krisensituationen.
Wo Bürgerinnen und Bürger im Ernstfall Hilfe, Informationen und Unterstützung erhalten
Ein sichtbarer Bestandteil dieser Maßnahmen werden künftig die Notfallinformationspunkte, kurz NIP, und die Leuchttürme sein. Sie entstehen in allen Grafschafter Kommunen und dienen im Krisenfall als Anlaufstellen für die Bevölkerung. Mehr als 30 NIP-Standorte sind derzeit im Aufbau bzw. in Planung. Sie befinden sich meist in Schulen, Sporthallen, Dorfgemeinschaftshäusern oder Feuerwehrhäusern. In den NIP können im Ernstfall Notrufe angenommen und weitergeleitet, aktuelle Informationen ausgegeben sowie Erste Hilfe geleistet werden.
Darüber hinaus wird es künftig in jeder Kommune mindestens einen Leuchtturm als weitere Anlaufstelle geben. „Die Leuchttürme sind ebenfalls zentral gelegen und bieten umfangreichere Hilfsangebote für die Bevölkerung. Dort können Bürgerinnen und Bürger nicht nur Notrufe abgeben, sich über den aktuellen Stand informieren und Erste Hilfe in Anspruch nehmen, sondern sie können sich auch aufwärmen, erhalten Trinkwasser und können medizinische Geräte oder Mobiltelefone aufladen“, weiß Matthias Woltering, der das Projekt Sonderplan Stromausfall seitens der Kreisverwaltung begleitet. Zudem werden in den Leuchttürmen medizinisch ausgebildete Personen vor Ort sein. Ergänzend sind eine psychosoziale Notfallversorgung, eine Gesundheitsversorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte, die Koordinierung von Spontanhelfenden und eine Kinderbetreuung für Einsatzkräfte vorgesehen.
Geplant und betrieben werden sowohl die NIP als auch die Leuchttürme von den Städten und Gemeinden. Die Anlaufstellen sind notstromgesichert und verfügen über stromunabhängige Kommunikationsmittel. Wann die NIP und Leuchttürme im Ernstfall in Betrieb genommen werden, hängt von der jeweiligen Lage vor Ort ab – beispielsweise, wenn gesicherte Informationen zu einem längerfristigen und flächendeckenden Stromausfall vorliegen. Die Anlaufstellen sollen künftig durch Hinweisschilder von außen deutlich gekennzeichnet werden. Eine Übersicht der Standorte ist online unter www.grafschaft-bentheim.de/bevoelkerungsschutz abrufbar. Gedruckte Flyer sollen ebenfalls bald über die Standorte informieren.
72 Stunden ohne Strom überbrücken – Eigenvorsorge ist wichtig
Zentrale Grundlage des Sonderplans ist das gemeinsam vereinbarte Schutzziel einer Mindest-Autarkie von 72 Stunden. Das heißt: Kommunen und Verwaltungen, Unternehmen, Organisationen, Einrichtungen der kritischen Infrastruktur sowie die Bürgerinnen und Bürger müssen in der Lage sein, mindestens die ersten drei Tage ohne Strom eigenständig zu überbrücken. Dieser Zeitraum entspricht dem bundesweiten Standard im Bevölkerungsschutz. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Blackout eintritt, ist zwar vergleichsweise gering, aber das Ausmaß der Schäden wäre immens, da unsere Lebens- und Arbeitswelt fast vollständig vom Strom abhängig ist. Daher ist eine gute Eigenvorsorge immens wichtig. Wer sich selbst im Ernstfall versorgen und auf Vorräte zurückgreifen kann, entlastet das System. Insbesondere in den ersten Stunden und Tagen eines langanhaltenden und flächendeckenden Stromausfalls sind die Einsatzkräfte ohnehin stark gefordert“, verdeutlicht Dezernentin Dr. Elke Bertke. Sie verweist darauf, dass der Landkreis in den ersten 72 Stunden eines Blackouts eine funktionierende Notversorgung, beispielsweise mit Blick auf Kraftstoff und Lebensmittel, aufbauen und für die weitere Dauer der Krisensituation sicherstellen werde.
In die Erstellung des Sonderplans Stromausfall hat der Landkreis über 180.000 Euro investiert. An der Erarbeitung des umfangreichen Konzeptes waren neben Landkreis und Kommunen zahlreiche weitere Akteure beteiligt, darunter Energie- und Wasserversorger, Kliniken, Pflegeeinrichtungen, die Leitstelle Ems-Vechte sowie Behörden und Einrichtungen mit Sicherheitsaufgaben. Fachlich begleitet wurde die Konzepterstellung durch die Firma Lülf+ Sicherheitsberatung.